Es gibt diesen einen Moment, den wohl jeder Bootsfahrer kennt.
Der Motor verstummt, das Wasser liegt ruhig vor Ihnen und die Bucht sieht aus, als wäre sie nur für Ihr Boot geschaffen worden. Das Meer schimmert türkis, unter der Oberfläche zeichnen sich die Konturen des Grundes ab, und schon nach wenigen Minuten könnten Sie ins Wasser springen.
Der Anker fällt.

Etwas Kette läuft aus, der Rückwärtsgang wird eingelegt – und trotzdem bewegt sich das Boot langsam weiter.
Viele würden jetzt sagen: „Der Anker hält nicht.“
Tatsächlich liegt das Problem häufig gar nicht am Anker selbst.
Oft passt der Anker einfach nicht zum Untergrund oder wurde unter Bedingungen eingesetzt, für die er nie entwickelt wurde. Genau deshalb lohnt es sich, die verschiedenen Ankertypen zu kennen. Nicht, um nautische Fachbegriffe auswendig zu lernen, sondern um entspannter und sicherer unterwegs zu sein.
Den perfekten Ankertype gibt es nicht
Wer zum ersten Mal einen Bootsanker kaufen möchte, sucht häufig nach dem „besten Modell“.
Doch diese Antwort existiert nicht.
Jede Ankerbucht ist anders. Mal besteht der Grund aus feinem Sand, wenige hundert Meter weiter aus Fels oder dichtem Seegras. Mal herrscht völlige Windstille, wenige Stunden später dreht der Wind und das Boot schwojt in eine völlig neue Richtung.
Ein Anker muss also weit mehr können, als nur schwer sein.
Er muss sich eingraben, sich bei wechselnden Bedingungen möglichst wieder neu setzen und genau zu dem Revier passen, in dem Sie unterwegs sind.
Warum der Delta-Anker so beliebt geworden ist
Wer durch eine Marina im Mittelmeer spaziert, entdeckt an erstaunlich vielen Booten denselben Ankertype.
Den Delta-Anker.

Das hat einen einfachen Grund: Er funktioniert in den meisten Alltagssituationen ausgesprochen zuverlässig. Seine pflugscharähnliche Form gräbt sich schnell in Sand oder festen Schlick ein und findet nach einem Winddreher meist wieder Halt.
Gerade entlang der kroatischen Adriaküste, wo sich Sandflächen und härtere Böden häufig abwechseln, gehört der Delta-Anker zu den vielseitigsten Lösungen für Sportboote.
Der Danforth-Anker – leicht, aber erstaunlich stark
Auf den ersten Blick wirkt der Danforth-Anker fast unscheinbar.
Seine beiden breiten Flunken sehen wenig spektakulär aus. Sobald sie jedoch weichen Sand oder Schlick erreichen, entwickelt dieser Ankertyp eine enorme Haltekraft.
Kein Wunder also, dass viele kleinere Motorboote und Beiboote noch immer auf den Danforth setzen.

Seine Schwäche zeigt sich allerdings dort, wo der Untergrund felsig oder stark bewachsen ist. Dort finden die Flunken oft keinen ausreichenden Halt.
Moderne Anker denken einen Schritt weiter
In den vergangenen Jahren haben sogenannte Bügelanker wie der Rocna die Art verändert, wie viele Fahrtensegler ankern.
Der auffällige Überrollbügel sorgt dafür, dass sich der Anker beim Aufsetzen fast immer automatisch richtig ausrichtet. Dadurch gräbt er sich deutlich schneller ein als viele ältere Konstruktionen.
Wer häufig unbekannte Buchten anfährt oder längere Reisen unternimmt, schätzt genau diese Eigenschaft.
Nicht ohne Grund sieht man Rocna-Anker heute immer häufiger auf modernen Yachten im gesamten Mittelmeer.
Warum viele Skipper dem Bruce-Anker treu bleiben
Dann gibt es noch den Bruce-Ankertype, der wegen seiner Form oft einfach Klauenanker genannt wird.
Er mag in Vergleichstests nicht immer die höchsten Haltekräfte erreichen, besitzt aber eine Eigenschaft, die viele erfahrene Bootsfahrer besonders schätzen: Er verhält sich berechenbar.
Wenn Wind oder Strömung drehen, setzt er sich häufig wieder neu, ohne dass der Skipper eingreifen muss.
Und genau dieses Vertrauen entsteht nicht durch Werbeprospekte, sondern durch viele Jahre praktischer Erfahrung.
Der Meeresboden entscheidet mit

Fragt man erfahrene Skipper nach dem besten Anker, erhält man oft unterschiedliche Antworten.
Fragt man sie jedoch nach dem Untergrund, werden sich viele plötzlich erstaunlich einig.
Sand gilt als idealer Ankergrund.
Schlick bietet ebenfalls hervorragenden Halt, sofern der Anker genügend Zeit bekommt, sich vollständig einzugraben.
Fels dagegen bleibt schwierig. Manche Anker finden zwischen den Steinen Halt, andere rutschen einfach darüber hinweg.
Besondere Aufmerksamkeit verdient Seegras. Gerade in Kroatien bedecken ausgedehnte Posidonia-Wiesen große Teile des Meeresbodens. Dort greifen viele Anker schlecht, gleichzeitig handelt es sich um geschützte Lebensräume, die möglichst nicht beschädigt werden sollten.
Gute Seemannschaft ersetzt keinen Anker – und umgekehrt
Wer erfahrenen Skippern beim Ankern zusieht, bemerkt schnell etwas Interessantes.
Sie sprechen erstaunlich wenig über ihren Anker.
Viel wichtiger sind Windrichtung, Wassertiefe, Schwojkreis oder die Länge der gesteckten Kette.
Sie fahren langsam in die Bucht ein, beobachten den Untergrund, lassen den Anker kontrolliert ab und geben genügend Kette, bevor sie den Rückwärtsgang einlegen.
Genau diese kleinen Entscheidungen sorgen dafür, dass ein Ankermanöver unspektakulär bleibt.
Und genau das ist das Ziel.
Wenn Sie mehr über das eigentliche Ankermanöver erfahren möchten, lesen Sie auch den Ratgeber „Boot richtig ankern“, in dem den gesamten Ablauf Schritt für Schritt erklären ist.
Was wir an der kroatischen Adriaküste jeden Tag erleben
Bei unseren privaten Bootstouren entlang der Ostküste Istriens erleben wir fast täglich, wie unterschiedlich zwei Ankerbuchten sein können.
Vor Cres finden sich traumhafte Sandflächen, wenige Seemeilen weiter dominieren felsige Abschnitte oder dichter Bewuchs. Deshalb wählen wir einen Ankerplatz niemals nur danach aus, wie schön das Wasser aussieht.
Entscheidend sind Wind, Tiefe, Untergrund und ausreichend Platz zum Schwojen.
Für unsere Gäste bleibt das meist unbemerkt – und genau das ist gute Seemannschaft. Die besten Entscheidungen sind oft diejenigen, die niemand wahrnimmt.
Wenn Sie die kroatische Adriaküste einmal aus der Perspektive eines Skippers erleben möchten, begleiten Sie uns auf einer unserer privaten Bootstouren in Kroatien. Zwischen versteckten Buchten und kristallklarem Wasser sehen Sie ganz nebenbei, wie sichere Ankermanöver in der Praxis aussehen.
Fazit
Die verschiedenen Ankertypen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Form, sondern vor allem darin, unter welchen Bedingungen sie ihre Stärken ausspielen.
Wer den passenden Bootsanker mit einer guten Ankertechnik kombiniert, wird deutlich entspannter unterwegs sein – ganz gleich, ob für einen kurzen Badestopp oder einen ganzen Tag vor Anker.
Denn am Ende merkt man einen guten Anker eigentlich nur an einer Sache:
Man vergisst völlig, dass er überhaupt da ist.